WVR-Sektion Nautilus: Führung Schiffbau Zürich 6. Nov 2025

Im eindrücklichen Foyer des Schiffbaus begrüsste Rudi Rath (Rudi) die 14 interessieren Nautilianer des WVR. Selbst Schauspieler und seit 40 Jahren beim Schauspielhaus führte uns Rudi lebhaft in die Geschichte des Schiffbau-Theaters ein

(Bem. René: vorher wurden in über hundert Jahren rund 600 Schiffe gebaut; mehr dazu im Anhang).  Das denkmalgeschützte Gebäude wurde 2000 von der Stadt Zürich und der Schauspielhaus AG gekauft. Damit wurde das Platzproblem der Pfauenbühne (750 Plätze) mit den drei Bühnen im Schiffbau gelöst: die Schiffbau-Halle (etwa 400 Plätze), die Schiffbau-Box (bis zu 200 Plätze) und die vom Jungen Schauspielhaus genutzte Schiffbau-Matchbox (etwa 80 Plätze).

Rudi führte uns vom Eingang Foyer (1), durch die Schiffbau-Halle (2), unter der Nietturm-Bar (3) zum Kopfbau (4) bis zum weiss-goldigen Hofgebäude (5).

In der 1891/92 gebauten Schiffbauhalle zeugen noch viele Elemente aus der damaligen Zeit wie Tragkonstruktion, Kräne, Mauerwerk etc. Kontrastreich fügen sich das Restaurant Lasalle, die Kantine und der Kubus des Jazzclubs Moods im vorderen Bereich in die riesige Halle. Die Schiffbaubühne erstreckt sich anschliessend bis zum Kopfbau. Da bei unserer  Führung die Theaterhalle leer war, vermittelt stellvertretend das Bühnenbild der Premiere beeindruckende Details. Die Inszenierung Christoph Marthalers «Hotel Angst» begeisterte. Der Stapellauf mit dem neuen Direktor gelang und warf Wellen der Begeisterung im Herbst 2000.

Zwischen der Schiffbauhalle und dem Hofgebäude befinden sich 3 Probebühnen, welche in den Dimensionen der Pfauenbühne entsprechen; also kann 1:1 geübt werden.

Dann der Blick hinter die Kulissen. Das Schauspielhaus beschäftigt über 300 Festangestellte. Diese kreieren und erstellen die Bühnenbilder, nähen Kleider, fertigen Perücken, verwalten und lagern x-Tausende von Requisiten. Aus verständlichen Gründen durfte in diesen sensiblen Bereichen nicht fotografiert werden. Einzig in einem Vorraum mit einigen Sujets aus früheren Aufführungen gabs ein Erinnerungsfoto.

Und bis so eine Aufführung über die Bühne geht: da wird 3 bis 10 Monate geübt, 8 Stunden am Tag, womit für uns die letztendlich hohen  Eintrittspreise nachvollziehbar sind. 

Imposant und unerwartet präsentierte sich am Schluss der Führung der Innenhof des Hofgebäudes. Die Zuschauer:innen verfolgen die Freiluftaufführungen von den goldigen Balkonen. Darüber befinden sich Wohnungen für die durchschnittlich 30 temporär angestellten Schauspieler:innen sowie Eigentumswohnungen.

Nach fast zwei Stunden erklärte uns Rudi die notwendige Organisation der vielen komplexen Betriebsabläufe die ein so hochstehendes Kultur- und Werkzentrum verlangt. Kommt dazu, dass erfolgreiche Inszenierungen anschliessend sogar noch zu mehrmonatigen Tourneen aufbrechen.

Die kühne Entscheidung für den von den Architekten Ortner & Ortner entworfenen Schiffbau (immerhin sind beim Wettbewerb Herzog & De Meuron unterlegen!) ermöglichte rationelles und unkonventionelles kreatives Arbeiten von A bis Z.  

Im Anschluss an die Führung gab Rudi noch einige spannende Reminiszenzen bei einem kleinen Apéro im ristorante più. Wir bedankten uns bei Rudi für seine exzellente Führung … und an dieser Stelle dem WVR für den Apéro.      

Anhang: Ergänzungen von René zum Schiffbau

1805 Jahren gründeten Caspar Escher und Salomon Wyss die mechanische Baumwollspinnerei Escher Wyss & Co. am Neumühlequai. Um 1810 kamen Dampfschiffe (DS) in Europa die Mode und C. Escher finanzierte 1834 das in England gebaute DS Minerva für den Zürichsee. Auf dem Wasserweg erreichte das Schiff nach abenteuerlicher Fahrt Kaiseraugst. Das dann zerlegte Schiff wurde im Gebiet des Sechseläutenplatzes montiert und von Stapel gelassen. Ab 1835 verkehrte das DS Minerva regelmässig von Zürich nach Rapperswil. Für eine Fahrt wurden ungefähr 15 Kubikmeter Tannenholz verfeuert (entspricht 5’000 l Dieselöl). Mit der gewonnenen Erfahrung baute die Firma 1837 mit dem Raddampfer «Linth-Escher I» (Baunummer EWC 1) das erste eigene Schiff in der neuen Werfthalle am gleichen Standort. Das Holzschiff verkehrte bis 1839 zwischen Walenstadt und Weesen. Weil Napoleon den Kontinent für englische Importe sperrte, produzierte die Firma in der mechanischen Werkstätte Ersatzteile für den Eigengebrauch der Webmaschinen. Die Produktion wurde auf die Fertigung von damals komplexen Textilmaschinen gewinnbringend ausgeweitet. Der stetig wachsende Maschinenbau umfasste bald auch Wasserräder, Dampflokomotiven und eben auch Dampfschiffe.

Aufgrund der engen Platzverhältnisse wurde die Firma 1889 ins Hard umgesiedelt und u.a. die neue Schiffbauhalle mit dem imposanten Nietturm aufgezogen (1891/92). Die folgenden Jahrzehnte wurden zur Blütezeit für das Unternehmen und es erweiterte fortan seine Produktepalette. Bis 1940 haben um die 600 Schiffe die heute sanierte und umgenutzte „Schiffbauhalle” verlassen. Von den 299 Raddampfer waren die «Stadt Zürich» (1909), die «Stadt Rapperswil» (1914, Kosten 360’000 Fr.) und die «Lötschberg» (1914) die letzten. Diese eleganten Schiffe fahren heute noch als schwimmende «Industriedenkmäler» auf dem Zürich-, respektive Brienzersee.

In der Schiffbauhalle wurden Dampfmaschinen, Schaufelräder etc. sowie Teile des Schiffsrumpfs gebaut. Der finale Zusammenbau erfolgte z.B. der «Stadt Zürich» in der alten Werfthalle in Wollishofen. Der Stapellauf lockte an Land wie auf dem See viel begeistertes Publikum an.

Bis Ende der 1960er-Jahre produzierte Escher Wyss technologisch die besten Turbinen. Doch diese waren wegen der billigeren Konkurrenzprodukte und dem Ende des weltweiten Wasserkraftbooms nicht mehr wettbewerbsfähig.

1966/69 wurden die Escher Wyss und ihre Tochtergesellschaften vom Winterthurer Industriekonzern Sulzer übernommen und reorganisiert. Damit verschwand der Firmen- und Markenname langsam aus der Wirtschaftsgeschichte. Und zum Glück nicht die Schiffbauhalleund die beiden Dampfschiffe auf dem Zürichsee (Bilder 1920-er, 2025).